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Drittanbieter-Lösungen

Portrait Marcus Herrmann

Was sind Drittanbieter-Lösungen?

Drittanbieter-Lösungen sind Produkte oder Dienste von externen Anbietern, die Sie in Ihre Website oder App einbinden- von jemand anderem entwickelt als das eigentliche Produkt. Sie ergänzen Funktionen, verbessern die Performance oder decken einen speziellen Bedarf ab.

Typische Beispiele:

  • Authentifizierung & Sicherheit: Auth0, Okta, reCAPTCHA, Cloudflare
  • E-Commerce & Bezahlung: Stripe, PayPal, Klarna, Trustpilot
  • Kommunikation & Chat: Intercom, Zendesk Chat, Drift
  • E-Mail & Marketing: Mailchimp, Klaviyo, CleverReach
  • Video & Media-Embeds: YouTube, Vimeo, SoundCloud
  • Karten: Google Maps, Apple Maps, Mapbox
  • WYSIWYG-Editoren: TinyMCE, CKEditor 5
  • CMS-Plugins: praktisch alle
  • Werbung: Google AdSense, DoubleClick

Solche Lösungen können Ihr digitales Produkt aufwerten. Gleichzeitig können sie die Barrierefreiheit bzw. Standard-Konformität verschlechtern – oft, weil Barrierefreiheit bei ihrer Entwicklung schlicht keine Rolle gespielt hat.

Warum sollten Drittanbieter-Lösungen Teil eines Accessibility-Audits sein?

Weil sie aus Sicht der Nutzer*innen zu Ihrem digitalen Produkt gehören, und auch der Zugänglichkeits-Standard Web Content Accessibility Guidelines das ausdrücklich verlangt: Understanding Conformance, englisch.

Zwei Einwände höre ich dazu immer wieder:

  • „Das ist ein fremdes Widget, für dessen Barrierefreiheit sind wir nicht verantwortlich.“
  • „Wir können daran nichts ändern, also können wir die Probleme auch nicht beheben.“

Warum die Lösung technisch trotzdem zu Ihrem Produkt zählt:

  • Es gab eine geschäftliche Entscheidung, die Lösung einzubinden und als Funktion Ihres Produkts anzubieten.
  • Auch wenn das fremde Branding sichtbar ist: Für die Nutzer*innen ist die Lösung ein nahtloser Teil Ihres Angebots.

Ein Audit, das Drittanbieter-Lösungen einschließt, zeigt Ihnen, wie barrierefrei diese sind – und wie stark sie sich auf Ihr Produkt auswirken.

Wie können Drittanbieter-Lösungen die Barrierefreiheit beeinträchtigen?

Betrachten Sie jede Einbindung als eigenständige Anwendung. Sie kann dieselben Barrieren enthalten wie jede andere Software, auch wie Ihre eigene:

  • fehlende Tastaturbedienbarkeit
  • unzureichende Farbkontraste
  • fehlende oder unpassende Alternativtexte für Bilder
  • schlecht strukturierte Inhalte
  • Probleme beim Fokus-Management
  • nicht barrierefreie Formulare
  • Probleme mit dynamischen Inhalten
  • Inkompatibilität mit assistiven Technologien

Wie stark eine Drittanbieter-Lösung die Barrierefreiheit Ihres Produkts beeinflusst, wissen Sie erst, wenn Sie sie mitprüfen.

Sind Login- und Bezahl-Anbieter im BFSG ausdrücklich geregelt?

Ja. Genau hier verliert das „ist doch fremd"-Argument seine Grundlage. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) benennt Anmeldung, Identifizierung und Bezahlung ausdrücklich, also die Funktionen, die in der Praxis besonders häufig an Dritte ausgelagert werden (Bezahl-Checkouts wie PayPal, Stripe oder Klarna, Login-Dienste wie Auth0 oder Okta, CAPTCHAs wie reCAPTCHA).

Konkret verlangen zwei Vorschriften der Verordnung zum BFSG (BFSGV), dass Identifizierungs- und Authentifizierungsmethoden, elektronische Signaturen, Sicherheitsfunktionen und Zahlungsdienste wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein müssen – also entlang der vier Grundprinzipien der WCAG:

  • § 17 BFSGV für Bankdienstleistungen für Verbraucher*innen (etwa Online-Banking und Kontoeröffnung)
  • § 19 BFSGV für Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr (Online-Handel mit Verbraucher*innen)
    Der Punkt für Ihre Praxis: Fällt Ihr Angebot in den Anwendungsbereich des BFSG – etwa als Online-Shop oder als Bank –, dann müssen auch der Login- und der Bezahlvorgang barrierefrei sein. Und zwar unabhängig davon, wer diesen Schritt technisch bereitstellt. Sie können die Verantwortung nicht an den Anbieter des Bezahl-Widgets weiterreichen. Ein nicht barrierefreier Checkout wird damit von einem Usability-Ärgernis zu einem Konformitätsrisiko.

Deshalb gehören Anmeldung und Bezahlung fest in den Prüfumfang – und in das Gespräch mit dem Anbieter, bevor Sie sich für eine Lösung entscheiden.

Was tun, wenn der Konformitäts-Test Probleme findet, die ich nicht selbst beheben kann?

Sie haben zwei Handlungsoptionen:

Anbieter kontaktieren. Informieren Sie den Anbieter über Ihr Audit und die Befunde zu seiner Lösung. Manche Anbieter nehmen solche Hinweise dankbar auf und verbessern ihr Produkt – sie erhalten kostenlose Orientierung, Sie eine nachgebesserte Lösung. Im ungünstigeren Fall reagiert der Anbieter zögerlich, priorisiert die Behebung nicht oder ignoriert Sie. Auch dann behalten Sie die Kontrolle.

Auf eine barrierefreie Alternative wechseln. Wenn eine Lösung nicht barrierefrei ist und dadurch ein Risiko für Ihre Organisation entsteht, können Sie zu einem Anbieter wechseln, der Barrierefreiheit ernst nimmt und Ihre Ziele unterstützt.

Worauf sollte ich bei der Auswahl neuer Drittanbieter-Lösungen achten?

Egal, ob die Auswahl über Ihren Einkauf, Ihr Team oder Sie selbst läuft – diese Punkte helfen bei der Entscheidung:

Nachfragen. Stellen Sie dem Anbieter konkrete Fragen zur Barrierefreiheit seines Produkts. Die Antworten verraten viel über seinen Reifegrad. Sind sie vage oder falsch, suchen Sie besser weiter. Achten Sie auch auf die Reaktionsgeschwindigkeit: Wer schon in der Auswahlphase langsam antwortet, wird Ihre Anfragen zur Barrierefreiheit vermutlich ähnlich behandeln.

Barrierefreiheit zum Auswahlkriterium machen. Fordern Sie Konformitätsnachweise an (etwa sogenannte ACRs/VPATs oder eine Barrierefreiheitserklärung) und testen Sie die Lösung mit assistiven Technologien, per Tastatur und mit browserbasierten Prüfwerkzeugen.

Anforderungen vertraglich festhalten. Nehmen Sie konkrete Anforderungen und Standards in den Vertrag auf – etwa WCAG-Konformität samt Konformitätsstufe. Stellen Sie sicher, dass diese verstanden und erfüllt werden.

Testen, testen, testen. Prüfen Sie die Lösung vor der Entscheidung – und danach fortlaufend. Wie bei Ihrem eigenen Produkt kann sich der Stand der Barrierefreiheit über die Zeit ändern. Testen Sie mit assistiven Technologien und beziehen Sie Menschen mit Behinderungen ein. Nach der Einführung sollten Sie den Stand zusätzlich über automatisierte Tests im Blick behalten.

Für digitale Barrierefreiheit werben. Sorgen Sie dafür, dass Einkauf, Entwicklung, Design und Produktverantwortliche verstehen, warum digitale Barrierefreiheit wichtig ist – und wie Drittanbieter-Lösungen sie beeinflussen.

Siegel: Web Accessibility Specialist, von IAAP zertifiziert Siegel: BIK BITV-Test